Joseph Roth (1894–1939)

Chronik

Erweiterte Fassung der biografischen Angaben in:
Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos: Joseph Roth 1894–1939. Ein Katalog der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur zur Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien 7. Oktober 1994 bis 12. Februar 1995. Wien: Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, 1994. Zirkular; Sondernummer 42 und neuen Erkenntnissen seit dieser Publikation.

1894

2. September 1894

Moses Joseph Roth wird als Sohn des Nachum/Wilhelm Roth¹ und der Maria Roth, geb. Grübel, in Brody, Galizien, geboren.

Seinen Vater (tätig im internationalen Großhandel) lernt er nie kennen. Nachum/Wilhelm Roth kehrt etwa 1893 nach einer kurzen Ehe von einer Geschäftsreise nicht nach Hause zurück. Maria Roth lebt mit ihrem Sohn im Haushalt ihres Vaters Jechiel Grübel in Brody. Marias ältester Bruder, Sigmund Grübel, der Roths Vormund wurde, und andere Brüder von Maria Roth unterstützen den Haushalt, Roths Besuch des Gymnasiums und der Universität finanziell. Diese männlichen Verwandten mütterlicherseits leben, sobald sie erwachsen waren und das Brodyer Vaterhaus verlassen hatten, in Lemberg/Lwów (heute Lviv, Ukraine), Nürnberg und Wien.

1 Nachum in der verhaltenen Lesart der Familie Grübel. Eine ähnliche, ausführlichere Lesart bietet die der Familie Roth, in der Roths Vater den Vornamen Wilhelm trägt, berichtet von dessen Schwester Chaje Sarah Roth bzw. deren Tochter Juliane Gruenbaum; siehe Schriftenreihe der IJRG Bd. 24 (2024).Zurück nach oben.

1901–1905

Besuch der Gemeindeschule (Volksschule) in der Großen Pfarrgasse in Brody.

1907

Tod des Großvaters Jechiel Grübel.

1910 ca.

Nach der familiären Überlieferung stirbt Roths Vater in geistiger Umnachtung, ohne die Existenz seines Sohnes zur Kenntnis zu nehmen. Unbekannt ist, wieviel (an Gerüchten und an Fakten) Joseph Roth als Kind und später über seinen Vater erfuhr.

1905–1913

Schüler des k. k. Kronprinz Rudolf Gymnasiums in Brody, einem der wenigen mit deutscher Unterrichtssprache geführten Gymnasien Galiziens.

Wiederholt besucht er seine Verwandten in Lemberg. Freundschaft mit seinen Cousinen Paula und Resia Grübel, denen er auch einige seiner ersten Gedichte widmet. Im Haus seines Onkels lernt er die kultivierte Helene von Szajnocha-Schenk kennen, die ihm – neben Paula Grübel – eine langjährige Vertraute wird. Sie vermittelt Roth Kenntnisse französischer Kultur und Sprache sowie weltmännischen Verhaltens.

Roth ist ein guter Schüler und wird mehrfach mit Fleißaufgaben betraut. Sein Deutschlehrer Max Landau lobt sein literarisches Engagement und Talent. Die Bildungstendenz Roths ist deutschsprachig und nach Wien orientiert, also nicht, wie damals schon bei der Mehrzahl seiner Mitschüler, polnisch oder auch zionistisch.

Roth lernt in der Schule Deutsch, die klassischen Sprachen Latein und Griechisch; im Alltag erwirbt er Kenntnisse des Jiddischen und Hebräischen; des Polnischen und Ukrainischen, wobei letzteres ihm später als Basis für gewisse Russisch-Kenntnisse dient.

1913

19. Mai 1913

Matura mit Auszeichnung.

Herbst 1913

Immatrikulation an der Universität Lemberg.

1914

Frühjahr 1914

Übersiedlung nach Wien. Erste bekannte Adresse: Wien XX. (PLZ. 1200), Rembrandtstraße 35/5 (erster Nachweis des Zuzugs durch den Meldezettel vom 22. April 1914).

Das 1. Semester an der Universität Lemberg wird Roth angerechnet, sodaß er ab dem Sommersemester 1914 ordentlicher Hörer im zweiten Semester an der philosophischen Fakultät der Universität Wien ist. Roth besucht vor allem Vorlesungen des von ihm verehrten Germanistikprofessors Walther Brecht. Beginn der lebenslangen Freundschaft mit dem ebenfalls aus Galizien stammenden, späteren polnischen Schriftsteller Józef Wittlin.

28. Juli 1914

Beginn des Ersten Weltkriegs.

Sommer 1914

Nach Kriegsausbruch verlassen Roths Mutter und Tante Rivka/Rebekka Piczenik das zum Kriegsschauplatz gewordene Galizien. Sie wohnen zunächst gemeinsam mit Joseph Roth bei Verwandten in: Wien XX., Wallensteinstraße 14, 3. Stock, Tür 16. Roth studiert weiter an der Universität Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie.

1915

17. Oktober 1915

Roths erste Veröffentlichung, das Gedicht „Welträtsel“, erscheint in der Österreichischen Illustrierten Zeitung. Wien. Es folgen in den nächsten drei Jahren weitere Beiträge in diesem Wochenblatt und, vor allem Gedichte, auch in der Arbeiter-Zeitung. Wien, und im Prager Tagblatt. Prag.

1916

31. Mai 1916

Zusammen mit Wittlin in Wien freiwillige Meldung zum Militärdienst, nachdem Roth bei früheren Musterungen zurückgestellt worden war.

28. August 1916

Beginn der Einjährig-Freiwilligen-Schule des 21. Feldjäger-Bataillons in Wien.

10. September 1916

„Der Vorzugsschüler“, eine Erzählung, die möglicherweise Walther Brechts Assistenten Heinz Kindermann (später Univ. Prof. der Theaterwissenschaft in Wien) persifliert, erscheint in der Österreichischen Illustrierten Zeitung. Wien.

21. November 1916

Tod Kaiser Franz Josephs.

1917/1918

Kriegsdienst in Galizien. Feldpost 632 (bei Zborów).

Roth ist 1917 in Plesniany als Mitarbeiter der Illustrierten Kriegszeitung der 32. Infanterietruppendivision eingesetzt, die südöstlich von Lemberg stationiert ist; er hält sich mehrfach in Wien und Lemberg auf.

1918

Dezember 1918

Rückkehr „vom Felde“ nach Wien; Anfang 1919 vielleicht kurze Reise nach Lemberg/Lwów (heute Lviv, Ukraine).

1919

Jänner bis Mai 1919

Journalistische Tätigkeit für das Prager Tagblatt, die A. Z. am Abend. Wien, und die Zeitschrift Die Filmwelt. Wien.

20. April 1919

Erstes Feuilleton für die jüngst gegründete Wiener Tageszeitung Der Neue Tag, die im Lauf der folgenden zwölf Monate über 140 Artikel, Berichte und Feuilletons von Roth publiziert.

Herbst 1919

Roth lernt im Wiener Café Herrenhof die neunzehnjährige Friederike (Friedl) Reichler kennen.

1920

30. April 1920

Der Neue Tag muß sein Erscheinen einstellen. Roth findet keine neuen oder nicht ausreichend Aufträge in Wien.

Roth übersiedelt zusammen mit dem ebenfalls arbeitslosen Kollegen und Freund Stefan Fingal nach Berlin, wo er mit Unterbrechungen bis 1925 lebt. Auch hier arbeitet er vor allem als Feuilletonist.

ab Juni 1920

Zahlreiche Arbeiten für die Mittagsausgabe der Neuen Berliner Zeitung. ,Das 12-Uhr-Blatt‘, weiter für das Prager Tagblatt, Film- und Theaterrezensionen für die Freie Deutsche Bühne. Berlin.

Sommer 1920

Roth schreibt als Sonderberichterstatter der Neuen Berliner Zeitung vom polnisch-russischen Krieg, den er an der ostpreußischen Grenze beobachtet.

19. September 1920

Erstes Feuilleton für den Berliner Börsen-Courier. Berlin (eine Buchrezension). Mehr gleichzeitig in der Neuen Berliner Zeitung und im Berliner Börsen-Courier ab Jänner 1921.

1921

8. Juni 1921

Roth erhält im Rahmen eines Optionsverfahrens durch die österreichische Gesandtschaft in Berlin die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt (und muß sich nicht, wie viele andere Juden aus dem ehemaligen Galizien, mit der polnischen zufriedengeben).

1922

Februar 1922

Tod der Mutter in Lemberg.

5. März 1922

Joseph Roth und Friederike Reichler heiraten in der Synagoge in der Wiener Pazmanitengasse (1020). Gemeinsam ziehen sie nach Berlin, wo sie zunächst in Berlin-Charlottenburg mit dem Schauspieler Alfred Beierle, Mommsenstraße 66, wohnen und danach in Berlin-Schöneberg eine eigene Wohnung beziehen. Beginnende Freundschaft mit dem Journalisten Ludwig Marcuse.

Juli 1922

Beginn der Mitarbeit im Feuilleton des Berliner Vorwärts, dem Hauptblatt der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Oktober 1922

Tägliche Berichte Roths erscheinen in der Neuen Berliner Zeitung vom Prozeß gegen die in die Mordaffäre Walther Rathenau verwickelten Personen. Der bedeutende Wirtschaftsmann und deutsche Außenminister war von Agenten der rechtsradikalen, antidemokratischen und antisemitischen „Organisation Consul“ erschossen worden.

1923

Jänner 1923

Beginn der Mitarbeit für die Feuilletonredaktion der bedeutenden überregionalen liberalen Frankfurter Zeitung, die – mit Unterbrechungen – von 1924 bis 1932 Roths hauptsächlicher Auftraggeber wird. Es entwickeln sich die Freundschaften mit den Kollegen Benno Reifenberg, Siegfried Kracauer, Bernard von Brentano. Vorerst weiterhin Mitarbeit bei Berliner und Wiener Blättern und beim Prager Tagblatt.

Juni bis September 1923

Vorübergehender Aufenthalt in Wien, um der Inflation in Deutschland zu entgehen.

Veröffentlichungen primär in Wiener Blättern, darunter der Wiener Sonn- und Montagszeitung, im Neuen Acht-Uhr Blatt, im Neuen Wiener Journal, und vermehrt im Prager Tagblatt.

Spätsommer 1923

Erste Reise nach Prag.

Oktober bis November 1923

Veröffentlichung von Roths erstem Roman „Das Spinnennetz“ in Fortsetzungen in der Wiener sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung. Wien, über den Aufstieg eines jungen Manns aus dem nationalsozialistischen Umfeld.

Oktober bis Dezember 1923

Roth macht Reportage-Reisen nach Bayern, ins Rheinland und ins Ruhrgebiet, im Osten Deutschlands, in Berlin, um über die Probleme der französisch/belgischen Besetzung, der Verarmung der Bevölkerung durch die Hyperinflation und die Radikalisierung durch die rechtsradikalen, antidemokratischen und antisemitischen, paramilitärischen Gruppen zu berichten. Die Texte werden von verschiedenen Zeitungen in Österreich, in der Tschechoslowakei, in Deutschland und in der Schweiz veröffentlicht.

8. November 1923

In München Putschversuch der NSDAP durch Adolf Hitler, Erich Ludendorff u. a.

1924

Februar 1924

Roth kehrt von Wien nach Berlin zurück, schreibt ab nun viel als Berliner Feuilletonist der Frankfurter Zeitung. Frankfurt/Main.

1924

Satirische Feuilletons und politische Gedichte erscheinen in den Zeitschriften Lachen Links. Berlin und Der Drache. Leipzig.

Februar/März 1924

„Hotel Savoy“ erscheint in der Frankfurter Zeitung als Fortsetzungsroman.

Juli/August 1924

In der Berliner Tageszeitung Vorwärts erscheint der Vorabdruck des Romans „Die Rebellion“.

Sommer 1924

Als Berichterstatter der Frankfurter Zeitung Reise nach Prag; weiter nach Krakau, Lemberg und in andere Städte Polens bzw. des ehemaligen Galizien; in Begleitung seiner Frau. Besuche bei Freunden und Verwandten.

Oktober/November 1924

Vermittelt durch den Lektor Rudolf Leonhard erscheinen beide Romane, „Hotel Savoy“ und „Die Rebellion“ im Berliner Verlag Die Schmiede. Sie sind, aufgrund der Geldknappheit und der seit Kriegsende gering gewordenen Lesefreudigkeit, kein großer Verkaufserfolg. Beide Romane werden ins Russische übersetzt und 1924/1925 in Rußland in hohen Auflagen gedruckt.

November 1924

„Reise durch Galizien“, ein Bericht in drei Teilen, erscheint in der Frankfurter Zeitung.

1925

Jänner/März 1925

„Reise durch Deutschland“: Berichte, die als Artikelserie im Frühjahr 1925 in der Frankfurter Zeitung erscheinen.

April/Mai 1925

Die beiden Romane „Der blinde Spiegel. Ein kleiner Roman“ und „April. Die Geschichte einer Liebe“ erscheinen im Berliner Dietz-Verlag.

16. Mai 1925

Ankunft zum ersten Aufenthalt in Paris als Sonderberichterstatter der Frankfurter Zeitung. Roth wohnt an der Place de l’Odéon. Roth und seine Frau leben von nun an fast nur noch in Hotels.

Juli/August 1925

Reist zusammen mit Friederike durch Südfrankreich, u. a. nach Lyon, Avignon und Marseille. Roth plant Frankreich-Studien unter dem Titel „Die weißen Städte“ als Buch erscheinen zu lassen; er schreibt es im Herbst in Frankreich; es wird aber als Buch von Verlegern nicht angenommen. Roth hofft, längere Zeit in Frankreich als Journalist für die Frankfurter Zeitung und Schriftsteller arbeiten zu können. Lapidar konstatiert Roth in einem Brief von 27.06.1925 an B. v. Brentano: „Bin krank. Trinkerleber“. Roth hat seit seiner Zeit beim Militär zeitweise, dann immer regelmäßiger stark getrunken.

September bis November 1925

Die Artikelserie „Im mittäglichen Frankreich“ erscheint in der Frankfurter Zeitung.

November 1925

Roth und Friederike sind wieder in Frankfurt. Er macht nun rund drei Monate Redaktionsarbeit, um diese (Manuskripte lesen, beurteilen, kürzen, mit den Kollegen und Setzern kooperieren), wie alle neuen Mitarbeiter, kennenzulernen.

Dezember 1925

Die Frankfurter Zeitung schwankt, ob sie Roth zum ständigen Pariser Feuilletonkorrespondenten machen soll. Schließlich wird Friedrich Sieburg bevorzugt und nach Paris entsandt. Roth ist darüber stark verstimmt.

1926

Jänner/Februar 1926

Für die Frankfurter Zeitung einige Wochen im Ruhrgebiet. Friederike Roth bleibt allein im Pariser Hotel zurück. Kurzer Aufenthalt in Paris, danach im Elsaß. Friederike bleibt wieder allein zurück.

Frühjahr 1926

Als Entschädigung für die Besetzung des Pariser Postens mit Friedrich Sieburg und nach längeren Verhandlungen entsendet die Frankfurter Zeitung Roth auf eine Reportage-Reise in die Sowjetunion.

Juli 1926

Roth fährt (ohne seine Frau, die in Wien zurückbleibt) über Polen in die Sowjetunion; er macht ausgedehnte Reisen bis ans Kaspische Meer, Baku. Er schreibt neben den Berichten für die Zeitung am Roman „Flucht ohne Ende“.

14. September 1926 bis 20. Februar 1927

Die lange Artikelserie „Reise in Rußland“ erscheint in der Frankfurter Zeitung.

Ende 1926 / 1927

Aufenthalte in Berlin, Prag, Wien und Frankfurt/Main. Roth wartet in Frankfurt mehrere Monate auf weitere Aufträge durch die Zeitung.

1927

April/Mai 1927

Einwöchiger Aufenthalt in Belgrad. Reportage-Reise nach Albanien (wieder ohne Friederike).

27. Mai bis 30. Juli 1927

Die Artikelserie „Reise nach Albanien“ wird in der Frankfurter Zeitung gedruckt.

Frühjahr 1927

Der bedeutende Essay „Juden auf Wanderschaft“ erscheint im Berliner Verlag Die Schmiede.

14. Juni 1927

Roth zieht mit seiner Frau in das Pariser Hôtel Helvetia, 23 rue de Tournon. Freundschaft mit Félix Bertaux und dessen Sohn Pierre Bertaux.

Sommer 1927

Reisen durch Frankreich: Marseille, Grenoble, Paris. Schreibt am Roman „Zipper und sein Vater“.

September 1927

Weiterhin Reisen in Frankreich, dann nach Glion bei Montreux in der Schweiz. Stefan Zweig lobt „Juden auf Wanderschaft“. Beginn der Freundschaft mit Stefan Zweig und seiner Frau Friderike Zweig, gesch. Winternitz.

16. September 1927

Zwei Tage nach Paris zu seiner Frau, dann nach Deutschland, Reiseberichte aus dem Saargebiet, die im November als „Briefe aus Deutschland“ erscheinen. Friederike Roth bleibt wieder allein in Paris zurück.

Herbst 1927

Friederike erkrankt und wird in den Süden nach St. Raphael gebracht. Roth kommt und holt sie nach Paris. Der in Rußland begonnene und in Paris fertiggestellte Roman „Flucht ohne Ende. Ein Bericht“ erscheint im Münchner Kurt Wolff Verlag. Roths erster größerer Erfolg auf dem Buchmarkt.

21. Dezember 1927

In München wegen Vertragsabschluß für „Zipper und sein Vater“ mit dem Kurt Wolff Verlag, München. Roth erhält erstmals regelmäßige Vorschußzahlungen für die Dauer der Fertigstellung eines Buchprojekts. Plan zu einem neuen Roman über die Situation der „jüngeren Brüder“, der Nachkriegsgeneration. (Das Romanprojekt „Die 20 Kapitel“ wird schließlich zu „Rechts und Links“).

27. Dezember 1927

Paris, Hôtel St. Honoré d’Elay, 152–154 rue de la Pompe.

1928

Jänner 1928

Roth schickt aus Paris seine Artikelserie „Briefe aus Deutschland von Cuneus“ an die Frankfurter Zeitung. Unterstützung durch deren Feuilletonredakteur Benno Reifenberg in der ständigen Diskussion über den Leistungsanteil Roths, der zunehmend die Arbeit für die Zeitung als Last empfindet und lieber nur Romane schreiben möchte. Doch kann er nicht ohne die Einnahmen von dieser Seite leben. Roth erhält Angebote von den Verlagen S. Fischer, Berlin (vermittelt durch Annette Kolb), dem Verband der Bücherfreunde und dem Verlag Paul Zsolnay, Wien. Er plant, zusammen mit Friederike eventuell in die Nähe von Paris (nach Meudon) zu ziehen und ein Haus oder eine Wohnung zu mieten.

Jänner 1928

Über Essen und Köln nach Frankfurt/Main, Hotel Englischer Hof.
Zu Ostern soll ein weiterer Roman erscheinen. Zum nächsten Roman – über die jüngere Generation Deutschlands – hat er nach eigenen Angaben schon seit 1920 Entwürfe liegen. Zum ersten Mal könne er, meint Roth, (finanziell) gerade „bürgerlich“ leben.

Jänner/Februar 1928

Deutschland. Verhandlungen zur Übersetzung von „Flucht ohne Ende“ zwischen den Verlagen Kurt Wolff und Gallimard, Paris. Das nächste Buch soll im Berliner Verlag S. Fischer erscheinen. Vorerst lanciert Roth erfolgreich das Buch „Ginster” seines Kollegen Siegfried Kracauer bei S. Fischer.

Februar 1928

St. Raphael, Villa Alice. Friederike wird wieder krank.

24. Februar 1928

Friederike Roth bleibt bei angeblich verbessertem Gesundheitszustand in St. Raphael. Roth fährt nach Paris und dann nach Berlin.

März 1928

Berlin, Hotel Habsburger Hof. Trifft häufig Pierre Bertaux, der als Student in Berlin lebt. Verlagsverhandlungen mit S. Fischer.

Friederike erkrankt erneut und kommt in sichtlich aufgewühlter Verfassung nach Frankfurt/Main. Roth trifft sie dort. Sie wohnen im Hotel Englischer Hof und reisen anschließend über Bellinzona, Locarno und Innsbruck nach Wien. Friederike leidet unter den Anstrengungen der Reise.

21. April 1928

Frankfurt/Main, Hotel Englischer Hof. Der Roman „Zipper und sein Vater“ erscheint im Kurt Wolff Verlag. Der Verlag Die Schmiede druckt den Aufsatz „Das Moskauer jüdische Theater“ im Sammelband „Das Moskauer Jüdische Akademische Theater“.

Mai 1928

Da es Friederike wieder besser geht, fahren sie gemeinsam nach Polen. Aufenthalt in Warschau und Lemberg. Ausflug nach Wilna. Roth schreibt „Briefe aus Polen“ für die Frankfurter Zeitung. Seine Kontaktadresse bis 19. Juni ist seine mütterliche Freundin Helene von Szajnocha-Schenk, Lemberg, die auch ein sehr liebevolles Verhältnis zu Friederike hat.

Juni bis September 1928

„Briefe aus Polen“ in der Frankfurter Zeitung.

Juli/August 1928

Wien, Parkhotel Schönbrunn. Soma Morgenstern, ein Freund und Kollege Roths, betreut Friederike während Roth auf Amtswegen ist. Er hat Probleme bezüglich seiner Staatsbürgerschaft und dem Reisepaß, da er nicht ausreichend Dokumente vorlegen kann. Roth erwägt erneut die Gründung eines festen Haushalts, da er meint, sowohl für die kranke Friederike als auch für Helene von Szajnocha-Schenk sorgen zu müssen, die nicht mehr in Polen bleiben könne. Viel lieber aber möchte er, angesichts solcher Aussichten, frei sein und nach Sibirien oder Amerika reisen.

August/September 1928

Italienreise (ohne Friederike) im Auftrag der Frankfurter Zeitung: Triest, Meran, Mailand, Rom, Neapel, Genua (?). Danach hält sich Roth wieder in Frankreich auf.

28. Oktober bis 22. Dezember 1928

Seine kritische Sicht des Italien prägenden Faschismus irritiert die politische wie die Feuilleton-Redaktion der Zeitung. Vier Berichte mit dem Reihentitel „Das vierte Italien“ erscheinen anonym in der Frankfurter Zeitung.

19. November 1928

Roth beendet nach achtmonatiger Arbeit den Roman „Rechts und Links“.

November/Dezember 1928

Frankfurt/Main, Englischer Hof; Berlin, Wien, Frankreich. In Berlin legt Roth dem S. Fischer Verlag seinen neuen Roman „Der stumme Prophet“ vor. Er wird abgelehnt. 1929 erscheinen kleine Teile als Vorabdrucke, einer davon in S. Fischers Zeitschrift Die Neue Rundschau.

13. Dezember 1928

Erster Vertrag mit dem Gustav Kiepenheuer Verlag, abgeschlossen über zwei Sachbücher: eine Bearbeitung von „Juden auf Wanderschaft“ und einen Reisebericht aus Sibirien. Beide erscheinen nicht, der Vertrag wird im Juli 1929 geändert.

1929

15. bis 25. Jänner 1929

Mit Friederike in Marseille, Hôtel Beauvau.

Roth will Anfang April nach Sibirien fahren; der Plan wird nicht ausgeführt, da die Zeitung sich vor solchen Ausgaben scheut (und billigere Feuilletons aus erster Hand von dort bezieht – von Angela Ror) und Roth sich schließlich von der Frankfurter Zeitung trennt.

Er muß sein „Judenbuch“ fertig machen und teilweise für den Verlag Kiepenheuer umarbeiten zu einem Buch mit dem Titel „Juden und ihre Antisemiten“ (es erscheint so nicht).

Frühjahr 1929

Friederike wird in Berlin bei Freunden geparkt. Roth besucht in Salzburg Stefan und Friderike Zweig.

Mai 1929

Verhandlungen mit den konservativen Münchner Neuesten Nachrichten. Roth wird schließlich für ein Jahr von dieser Zeitung unter Vertrag genommen.

Mai/Juni 1929

Mietet mit Friederike eine Wohnung in Versailles; sie sind bald wieder in Paris zurück.

Juni 1929

Berlin-Charlottenburg, Hotel Hessler (ohne Friederike).
Endgültiger Bruch mit der Frankfurter Zeitung, Vertrag mit S. Fischer gelöst.

2. Juli 1929

Revidierter Vertragsabschluß zwischen dem Gustav Kiepenheuer Verlag und Joseph Roth für „Juden und Antisemiten“, „Der stumme Prophet“, „Die 20 Kapitel“ („Rechts und Links“) und einen weiteren Roman („Perlefter“ oder „Hiob“).

Wieder werden nicht alle Buchprojekte verwirklicht. Nicht erschienen sind der Roman „Der stumme Prophet“; „Das deutsche Lesebuch“; „Juden und Antisemiten“.

Herbst 1929

Friederike Roths Geisteskrankheit kommt zum endgültigen Ausbruch; sie wird im September in die Berliner Nervenheilanstalt Westend eingeliefert. Roth hofft, sich in Salzburg verkriechen und schreiben zu können.

Oktober 1929

Berlin, Hotel am Zoo. Roth erfährt von seiner schweren Lebererkrankung. Der Roman „Rechts und Links“ erscheint bei Kiepenheuer.

Dezember 1929

Friederike wird von der Familie Stefan Fingals in Berlin betreut.

München. Roth kommt mit dem Roman „Hiob“ nicht rasch voran und plant schon einen nächsten.

„Ein Kapitel Revolution“ aus dem unfertigen Roman „Der stumme Prophet“ erscheint in der von Ernst Glaeser herausgegebenen Anthologie „Fazit“.

1930

April 1930

Salzburg, Hotel Stein. Von hier aus kontaktiert Roth einige Wiener Ärzte, die seiner Frau vielleicht helfen können. Friderike und Stefan Zweig unterstützen ihn dabei. Roths Gesundheitszustand ist labil.

1. Mai 1930

Ende der Tätigkeit für die Münchner Neuesten Nachrichten; Roth bekommt noch bis August 1930 das monatliche Honorar. Neuerlicher Kontakt zur Frankfurter Zeitung durch Benno Reifenberg. Roth arbeitet am Roman „Hiob“.

Mai 1930

Friederike Roth wird in eine geschlossene Anstalt gebracht, nachdem sie zuvor von ihren Eltern und ihren Schwestern zu Hause in Wien betreut worden war. Das ist sehr kostspielig. Roth kommt kurze Zeit nach Wien, um sie zu sehen. In den nächsten Jahren vermeidet er Aufenthalte in Wien, um nicht aus der Arbeit in die Trauer gerissen zu werden. Er läßt sich häufig von Friederikes Mutter berichten und schreibt ihr über seine Mühen ums Geld, seine Konsultationen bei Ärzten, seine Hoffnung auf eine Gesundung Friederikes.

17. Mai 1930

Frankfurt/Main. Roth verhandelt erneut mit der Frankfurter Zeitung.

18. Mai 1930

Berlin. Roth schreibt unter anderem für Das Tagebuch, Die literarische Welt (beide Berlin) und das Prager Tagblatt. „Panoptikum. Gestalten und Kulissen“, eine Sammlung von Artikeln, erscheint im Verlag der Münchner Neuesten Nachrichten, Knorr & Hirth.

Mai 1930

Einladung nach Badenweiler zu René Schickele.

Roth hofft noch immer auf eine Reportagereise in die Sowjetunion, etwa im Auftrag der Kölnischen Zeitung. Seine Artikel werden vom Pressedienst des Kiepenheuer Verlags vertrieben. Besorgt um jede Vorschußzahlung. Friderike Zweig rät Roth, seine Frau mit Hilfe des österreichischen Presseclubs Concordia (Roth ist allerdings nicht Mitglied) billiger in einer anderen Anstalt unterzubringen.Davon werden nicht alle Werke realisiert: Nicht erschienen sind der Roman „Der stumme Prophet“; „Das deutsche Lesebuch“; „Juden und Antisemiten“.

Juni 1930

Berlin, Hotel am Zoo. Beziehung zu der Schauspielerin Sibyl Rares. Bald darauf erste Begegnung mit Andrea Manga Bell, Redakteurin der Zeitung Gebrauchsgraphik. Sie lebt mit Roth von 1931 bis 1936 zusammen (große Liebe, große Streitigkeiten) und ist Inspiration und Typoskriptherstellerin. Sie wird von allen Bekannten wegen ihrer dunkelhäutigen Schönheit und ihrem Charme bewundert.

Die Kölnische Zeitung interessiert sich für Roths Mitarbeit, nicht aber für seinen teuren Rußlandplan. Verhandlungen auch mit anderen Zeitungen.

17. Juli 1930

Vertragsabschluß mit der Kölnischen Zeitung für eine Reportagereise nach Mitteldeutschland und in das Ruhrgebiet.

14. September 1930

Der Vorabdruck des Romans „Hiob“ in Fortsetzungen in der Frankfurter Zeitung beginnt.

Herbst 1930

Friederike Roth wird kurz von der eigens von Roth verpflichteten Psychiaterin Dr. Szabo in der Pension Kühnel in Perchtoldsdorf, Niederösterreich, betreut. Die Finanzen des Kiepenheuer Verlags stehen schlecht. Roth überlegt Verhandlungen mit dem Insel-Verlag, Leipzig, in dem Stefan Zweig publiziert.

September 1930

Ständige Geldnot.

Vier Artikel monatlich für die Frankfurter Zeitung sind Roth zu viel Arbeit. Angebot des Phaidon-Verlags, Wien, für einen Roman mit dem Titel „Orientexpress“, der bis März 1931 fertig sein müßte. (Roth hofft auf Kiepenheuers Nachsicht wegen des Exklusivvertrags bei ihm.) Vertragsabschluß: November; der Roman erscheint nie. Straßburg, Wiesbaden. Erkrankung auf der Reise.

Friederike Roth wird im Sanatorium Rekawinkel, Niederösterreich, eingeliefert.

Oktober 1930

Paris, Hôtel Foyot.
Roth schreibt wieder primär, aber selten für die Frankfurter Zeitung.

12. Oktober 1930

„Hiob“ erscheint im Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, und wird ein sehr großer Erfolg.

November 1930

Reportage „Harzreise“ für die Frankfurter Zeitung. 8.500 Exemplare des Romans „Hiob“ wurden bisher verkauft, für das Weihnachtsgeschäft werden weitere 10.000 Exemplare gedruckt.

Roth plant zwei „Reisebücher“. Möchte am jüngst begonnenen Roman „Radetzkymarsch“ ungestört arbeiten können.

Dezember 1930

Leipzig, Hotel Fürstenhof.
Stefan Zweig hat Kontakt zum Verleger Ben Huebsch, Viking Press, New York, geknüpft, für eine amerikanische Ausgabe des „Hiob“; Roth hofft auf eine finanzielle Sanierung durch Tantiemen vom Verkauf der Filmrechte am Roman „Hiob“ in den U.S.A.

Dezember 1930

Paris, Hôtel Foyot.
Roth lernt Klaus Mann kennen.

1931

Jänner 1931

Über Marseille nach Antibes, Hôtel Du Cap d’Antibes, als Gast Stefan Zweigs. Bleibt bis April. Arbeit am Roman „Radetzkymarsch“. Affaire mit einem belgischen minderjährigen Mädchen aus einer wohlhabenden Familie.

20. April 1931

Paris, Hôtel Foyot.

Mai/Juni 1931

Schwere Augenerkrankung, Gelbsucht. Unterbricht das Schreiben am „Radetzkymarsch“ für etliche Wochen.

3. Mai 1931

Beginn der Artikelserie „Kleine Reise“ in der Kölnischen Zeitung; Beiträge bis Juni 1931.

Juli 1931

Frankfurt/Main; dann Berlin, Hotel am Zoo. „Radetzkymarsch“ soll im September fertig werden. Die Frankfurter Zeitung bietet ihm Geld für einen Vorabdruck. Zähe Geldverhandlungen mit Kiepenheuer wegen der Buchausgabe.

28. August 1931

Frankfurt/Main.
Eifrige journalistische Arbeit zum Gelderwerb. Roth ist einer der am besten bezahlten Journalisten Deutschlands. Dennoch immer wieder Geldnot, da Roth nicht haushalten kann.

Herbst/Winter 1931

Paris, Hôtel Foyot.
Arbeitet vor allem am „Radetzkymarsch“ und für die Frankfurter Zeitung, unterbrochen durch längere Phasen der Arbeitsunfähigkeit. Enge Bindung an Andrea Manga Bell, deren zwei schulpflichtige Kinder zu versorgen sind.

1932

Anfang 1932

Badenweiler, Hotel Römerbad. Danach Berlin.

17. April bis 9. Juni 1932

Vorwort zum „Radetzkymarsch“; der Roman erscheint in der Frankfurter Zeitung in Fortsetzungen bis 9. Juni. Veränderungen für die Buch-Fassung.

August 1932

Baden-Baden. Nach einem Kurzaufenthalt in Frankfurt/Main fährt Roth in die Schweiz.

September 1932

Rapperswil am Zürichsee, Hotel Schwanen. Die erste Auflage von „Radetzkymarsch“ erscheint bei Kiepenheuer. Binnen weniger Monate ein großer Erfolg, mehrere Auflagen. Da Roth über 35.000 M Vorschuß für diesen Roman bezogen hat, bleibt der Erfolg für ihn vorerst ohne finanzielle Auswirkung.

Oktober 1932

Frankfurt/Main, Hotel Englischer Hof, dann Ascona, Besuch bei Erich Maria Remarque.

November 1932

Plan zu einem neuen Roman, der in der Gegenwart spielen soll, und für den Roth die Romanfigur Franz Tunda wiederbeleben möchte. Die Lebererkrankung verschlimmert sich.

Ende November 1932

Berlin-Charlottenburg, Hotel-Pension Savigny.

Dezember 1932

Weihnachten in Hamburg bei der Familie Manga Bells.

1933

30. Jänner 1933

Roth fährt mit Andrea Manga Bell und ihren beiden Kindern nach Paris, wie er es geplant hatte; sie wohnen zuerst im Hôtel Jacob, ab März wie schon früher im Hôtel Foyot.

30. Jänner 1933

Deutschland: Reichspräsident Hindenburg ernennt Adolf Hitler, den Parteichef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, zum Reichskanzler.

In kurzer Zeit werden neue Gesetze geschaffen, die die Macht der Nationalsozialisten stärken und die Rechte von Teilen der Staatsbürger beschränken; sie führen zu Diskriminierung, Berufsverbot, Gefangennahme, Unfreiheit, Mord von Andersdenkenden, insbesondere von Juden. Die Regierung Hitler entwickelt Strategien zur intensiven Beeinflussung der Öffentlichkeit durch die Medien. Über Jahre hin lassen die anderen europäischen Großmächte wie Frankreich und Großbritannien die deutschen Machthaber gewähren; das faschistische Italien stützt Deutschlands Politik und Expansionsgelüste, die es seinerseits in Abessinien und Albanien verwirklicht. Obwohl Roth österreichischer Staatsbürger ist, kann – und will – er nun nicht mehr nach Deutschland fahren, auch weil er als heftiger Gegner der Nationalsozialisten bekannt ist. Wirtschaftliche und Identitätskrise. Roth engagiert sich bald bei Hilfstätigkeiten für Flüchtlinge aus Deutschland.

Februar 1933

Diskussion über die Qualität von Blanche Gidons Übersetzung des Romans „Radetzkymarsch“ ins Französische mit ihr und Félix Bertaux, seinem Mentor, einem Literaturfachmann in beiden Sprachen.

Frühjahr 1933

In den niederländischen Verlagen Querido und Allert de Lange werden angesichts der nationalsozialistischen Verfolgungen deutschsprachige Abteilungen als Exilverlage gegründet. Leiter werden jeweils frühere leitende Mitarbeiter des Kiepenheuer Verlags, der sich in Berlin von seinen jüdischen Autoren trennt. Über die in der Schweiz gegründete Firma Orcovente werden Zahlungen für Roths Auslands-Urheberrechte für ihn gerettet. Roth kommt über Hermann Kesten und Walter Landauer (Allert de Lange Verlag) und Fritz Landshoff (Querido Verlag) mit beiden Exilverlagen ins Geschäft. Dennoch verliert Roth wie die anderen Exil-Autoren eine großen Teil des deutschsprachigen Buchmarktes und damit Einnahmen.

Roth arbeitet an der Erzählung „Stationschef Fallmerayer“, die in einem Band mit Novellen anderer emigrierter deutschsprachiger Autoren, herausgegeben von Hermann Kesten, erscheint. Roth beginnt für verschiedene Exilzeitschriften zu schreiben, unter anderem für Das Neue Tage-Buch und das Pariser Tageblatt, und später für dessen Nachfolger, die Pariser Tageszeitung.

10. Mai 1933

Nationalsozialistische Bücherverbrennungen in Berlin. Bereits die erste Verbotsliste des Dritten Reichs enthält das gesamte Werk Roths. Er verliert mit dieser Ächtung Verkaufsmöglichkeiten und daher einen großen Teil seines Publikums als Autor und Journalist.

2. Juli 1933

Verschiedene Angebote. Sein amerikanischer Verleger Ben Huebsch / Viking Press verkauft die Filmrechte von „Hiob“. Nicht Roth im Exil in Paris, sondern Kiepenheuer in Deutschland erhält das Honorar – aufgrund des früher geschlossenen Verlagsvertrags, nun aber zur Empörung des Autors.

27. Juli 1933

Vertrag mit dem Allert de Lange Verlag für ein Buch „Die Juden und ihre Antisemiten“ (später „Der Antichrist“).

Juli 1933

Roth verbringt einige Tage bei Stefan und Friderike Zweig in Salzburg. Danach reist er nach Rapperswil in der Schweiz. Im September trifft er in Zürich Dorothy Thompson, die Übersetzerin der englischen Fassung von „Hiob“.

Herbst 1933

Amerikanische und norwegische Übersetzungen des „Radetzkymarsch“, britische Übersetzung des „Hiob“.

Ende November 1933

Roth beendet in Rapperswil den Roman „Tarabas“, der noch vor Weihnachten im Querido Verlag erscheinen soll.

In Amsterdam verhandelt Roth über einen neuen Roman.

In der von Klaus Mann herausgegebenen Exil-Zeitschrift Die Sammlung (1933–1935, Querido Verlag) erscheint ein Auszug aus „Tarabas“.

Dezember 1933

Korrekturen an „Tarabas“. In Amsterdam Ausfallserscheinungen, Vollrausch bei Verhandlungen mit dem Verleger Gerard de Lange.

Roth kehrt aus Amsterdam nach Paris zurück und wohnt im Hôtel Foyot.

Bis 31. März 1934 muß er „Juden und Antisemiten“ fertig haben, um die kommenden drei Monate finanziell zu sichern. Das Werk, das ab Jänner den definitiven Titel „Der Antichrist“ trägt, wird termingerecht fertig. Friederike Roth wird in Wien in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke Am Steinhof eingeliefert.

1934

Jänner/Februar 1934

Roth ist krank, kann nicht schreiben, bittet Stefan Zweig um Geld.

Februar bis Juli 1934

Der Bürgerkrieg in Österreich führt zum Verbot der Linksparteien. Im April wird das Parlament aufgelöst, die autoritäre Regierung unter Kanzler Engelbert Dollfuß regiert mit Notverordnungen und durch eine Änderung der Verfassung. Im Mai tritt eine neue Verfassung in Kraft, die den „Ständestaat“ begründet. Nach zahlreichen Anschlägen versuchen die Nationalsozialisten in Österreich am 25. Juli 1934 einen Putsch. Er gelingt nicht, jedoch wird Dollfuß ermordet. Neuer Bundeskanzler wird Kurt Schuschnigg. Hinrichtung von nationalsozialistischen Putschisten; dennoch führen „illegale“ Parteimitglieder und auch hohe Regierungsfunktionäre wie Vizekanzler Starhemberg die Politik der Verunsicherung und der Ideologisierung der Bevölkerung im Sinn der extremen Rechten fort.

März 1934

Blanche Gidons französische Übersetzung des Romans „Radetzkymarsch“ erscheint im Pariser Verlag Plon.

Frühjahr 1934

Arbeit an Erzählungen, die als Sammelband herauskommen sollen. „Die Büste des Kaisers“ und „Triumph der Schönheit“ werden, ins Französische übersetzt, in Zeitschriften publiziert und kommen später auf Deutsch heraus.

Der Roman „Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde“ erscheint im Querido Verlag. Verhandlungen über englische Buchausgaben. Roths Schulden wachsen. Ein neuer Roman soll bis Oktober fertig sein.

Roth fährt im Juni nach Marseille, wo er einige Zeit in Ruhe arbeiten möchte.

11. Juli 1934

mit Andrea Manga Bell nach Nizza, wo sie vorerst, von Kesten eingeladen, das Haus 119 Promenade des Anglais mit Hermann und Toni Kesten, sowie Heinrich Mann und Nelly Kröger teilen.

Roth schreibt den Roman „Die Hundert Tage“.

Trifft Stefan und Friderike Zweig, Ludwig Marcuse, Schalom Asch, René Schickele, Valeriu Marcu und andere Emigranten. Bittet Zweig immer wieder um Geld.

Die Situation mit Landshoff und dem Allert de Lange Verlag spitzt sich zu. Roths Vorschüsse waren weit größer als der finanzielle Erfolg seiner Bücher in den Exilverlagen. Roth hofft auf Unterstützung Huebschs (bzw. des mit Huebsch befreundeten Stefan Zweig). Verhandlungen, aber keine Einigung mit den englischen Verlegern bzw. Agenten Gollancz und Holroyd-Reece.

September 1934

Verbindung zu monarchistischen Kreisen um Otto von Habsburg und zu katholischem Klerus aus Deutschland und Österreich intensivieren sich. „Der Antichrist“ erscheint bei Allert de Lange, Amsterdam.

1. bis 22. September 1934

„Triomphe de la beauté“, übersetzt von Blanche Gidon, erscheint in 4 Teilen in den renommierten Zeitschrift Les Nouvelles Littéraires. Paris.

15. September 1934

Kesten verläßt Nizza. Roth und Manga Bell ziehen in das Nachbarhaus, 121 Promenade des Anglais.

18. September 1934

Roths finanzielle Lage verschlimmert sich. Er schreibt 10 bis 12 Stunden am Tag.

Friederikes Aufenthalt in der Anstalt Am Steinhof ist nur bis Oktober bezahlt. Roth bittet Zweig erneut um finanzielle Unterstützung. Die Schwiegereltern, von Roth verständnisvoll ermutigt, bereiten ihre Auswanderung nach Palästina vor, eingeladen von ihrer Tochter Erna, die mit ihrem Mann schon 1930 dorthin übersiedelt war.

September 1934

Roth wird mit dem Roman „Die Hundert Tage“ nicht termingerecht fertig.

2. Oktober 1934

Blanche Gidon plant eine französische Übersetzung des „Antichrist“; sie wird nicht realisiert.

1935

Jänner/Februar 1935

Nach wie vor in Nizza. Roth zieht in das Hôtel Imperator am Boulevard Gambetta.

Wie üblich stellt sich bei Roth nach anfänglicher (oft kurzer) Zufriedenheit mit seinem jeweils neuen Werk Unzufriedenheit ein: Er sieht den „Antichrist“ als Mißerfolg an, da zu hastig geschrieben (nur in Holland ist die Akzeptanz groß).

15. Februar 1935

Roth versucht, den Roman „Die Hundert Tage“ langsam und sorgfältig zu schreiben, obwohl der Abgabetermin bereits lange überzogen ist. Er befürchtet, den amerikanischen Verleger Huebsch zu verlieren. Der Allert de Lange Verlag zahlt keine weiteren Vorschüsse.

Frühjahr 1935

Verlagsbesprechung in Amsterdam. Roth besucht einen Kabarettabend von Erika Manns „Pfeffermühle“ und ist begeistert.

6. bis 14. Mai 1935

Das Pariser Tageblatt bringt „Triumph der Schönheit“.

14. bis 30. Mai 1935

Wien, Hotel Bristol. Roth möchte die Scheidung von Friederike einleiten.

Juni 1935

Friederike Roth wird, durch Vermittlung von Soma Morgenstern und Walter Landauer, kostenlos in der Landespflegeanstalt Mauer-Öhling bei Amstetten untergebracht. Roth sieht von der Scheidung ab. Er reist nach Nizza, Marseille, schließlich wieder nach Paris (Hôtel Foyot).

Tod des Roth geneigten, oft zahlungswilligen Verlegers Gerard de Lange; Roth schuldet dem Verlag zwei Romane, „Die Hundert Tage“ (fertig) und „Der Stammgast“ (später „Beichte eines Mörders“, kurz vor dem Abschluß).

August 1935

Roth will sich nach Ende der Verpflichtungen mit Stefan Zweigs Hilfe von Allert de Lange lösen. Er überlegt auf Anregung Zweigs eine Verbindung zum Verlag Herbert Reichner in Wien. Bedingung wäre, ein Jahr finanziell gesichert zu sein. Roth plant einen großen Roman über das Ambiente seiner Kindheit mit dem Titel „Erdbeeren“.

28. Juli bis 1. August 1935

„Die Büste des Kaisers“ wird im Pariser Tageblatt gedruckt.

Oktober 1935

Eine Zusammenarbeit mit der österreichischen Zeitschrift Der Christliche Ständestaat beginnt, daneben Artikel u. a. in Das Neue Tage-Buch (Paris und Amsterdam), der Wiener Montags-Zeitung.

Der Roman „Die Hundert Tage“ erscheint im Allert de Lange Verlag.

18. Oktober 1935

Roth ist unsicher über den Erfolg der „Hundert Tage“. Er zieht Zweig gegenüber Resumé: nur in Holland sei er literarisch anerkannt; in der Schweiz werde er von maßgebenden Blättern mißachtet; in Österreich sitze er zwischen zwei Stühlen; in Frankreich sei er wegen der gescheiterten Übersetzung des „Antichrist“ mit dem Herausgeber Gabriel Marcel vom Verlag Plon zerstritten. Er bittet Zweig wieder einmal, ihm zu helfen und in seinem Namen Kontakte zu knüpfen, auch Huebsch zu schreiben.

Herbst/Winter 1935

Paris, Hôtel Foyot. Roth hat Schwierigkeiten mit allen Exilverlagen. Allert de Lange und Querido Verlag, kommen für ihn kaum mehr in Frage, mit englischen und amerikanischen Verlagen steht er in vagen Verhandlungen. Der französische Verlag Grasset will den neuen Roman „Die hundert Tage“ übernehmen, wenn Allert de Lange nicht zu hohe Forderungen stellt. Roth bittet Landauer um Hilfe.

Die Beziehung zu Manga Bell engt ihn – zumindest finanziell – ein; heftige Auseinandersetzungen.

1936

März 1936

Amsterdam, Eden Hotel. Zähe Verlags-Verhandlungen. Landauer (Allert de Lange) und Landshoff (Querido Verlag) geben weder Honorar noch Vertrag. Landshoff bietet nur für ein fertiges Manuskript Geld, obgleich Roth darauf hinweist, daß der Verlag eine seiner besten Novellen, den „Leviathan“, bekommen habe (1936 gesetzt, Vorabdrucke, erst 1940 als Buch veröffentlicht).

Das Leben in Amsterdam ist zu teuer, aber er sitzt in Amsterdam fest. Arbeitet am Roman „Der Stammgast“ (später: „Beichte eines Mörders“); das Werk ist prinzipiell fertig, Roth ist aber unzufrieden und „füllt auf“.

Friederike kommt kurze Zeit zu klarerem Bewußtsein. Sorgen um einen kostenlosen Anstaltsaufenthalt für sie.

30. März 1936

Ein neuer Vertrag zwischen Roth und dem Querido Verlag ist endlich erreicht. Manga Bell ist bei einer Freundin des Ehepaars Zweig in Rapperswil. Ein neuer Roman muß im Juni erscheinen. Die Ideen zum großen Roman „Erdbeeren“ werden notgedrungen verwertet. Zweig rät wiederholt, Romansujets für den Film zu verwerten.

Mai 1936

Roth wohnt noch immer in Amsterdam; krank; flehentliche Briefe an Stefan Zweig, zu kommen und zu helfen. Neuerlicher Kontakt zu Blanche Gidon, der er den frisch gesetzten Roman „Beichte eines Mörders“ verspricht. Endgültige Trennung von Andrea Manga Bell.

11. Mai 1936

Amsterdam, Hotel Eden. In 2 Wochen Bürstenabzüge des neuen Romans „Beichte eines Mörders“ korrigiert, der nicht zum geplanten Filmstoff geworden ist. Zweig schickt Roth 3.000 Francs, die er selbst von einem holländischen Verlag erhalten hat. Roth leiht sich 50 Gulden vom Hotel. Elender körperlicher Zustand: Husten, geschwollene Beine, trinkt Milch „zwecks Entgiftung“, verträgt kaum feste Speisen.

29. Mai 1936

Er trinke Wein, keinen Schnaps (was Roth gegenüber Zweig als Diät beschreibt); er besitze zwei Anzüge, 6 Hemden und wasche seine Taschentücher selbst. Vom versprochenen Geld Zweigs hat er schon viel im Vorhinein ausgegeben. Er möchte nach Beendigung der Korrekturen nach Brüssel, sofern er ein Visum bekommt, da das Leben dort billiger ist.

12. Juni 1936

Roth hält in Amsterdam den Vortrag „Glauben und Fortschritt“ in der Buchhandlung des Allert de Lange Verlags.

Einsamkeit nach der Trennung von Manga Bell. Roth lebt seit Jahren von einem Monat zum anderen, ohne längerfristige finanzielle Sicherung; macht daher große Schulden. Landauer hilft ihm mit eigenem Geld.

24. Juni 1936

Roth wartet in Amsterdam auf sein Visum, das er eigentlich nur in Österreich bekommen dürfte. Nach Erhalt des Dokuments fährt er Anfang Juli nach Brüssel; wohnt im Hôtel Siru.

9. Juli 1936

Roth nimmt eine Einladung Zweigs nach Ostende an. Dort trifft er neben Zweig auch Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch und Ernst Toller und lernt die 1935 emigrierte Schriftstellerin Irmgard Keun kennen.

Juli 1936

Ein Abkommen zwischen Deutschland und Österreich soll der Befriedung dienen; Abnahme des NS-Terrors, Aufnahme von Anhängern des Nationalsozialismus in öffentliche Funktionen und die Regierung. Integrationsversuche Schuschniggs haben in der Folge ebenso wenig Wirkung wie seine Deklarationen über die Eigenständigkeit Österreichs und dessen trennende Unterschiede zum Dritten Reich.

Juli 1936

Ostende, Hôtel de la Couronne. Roth versucht wieder, seine neuen Erzählungen an verschiedene Verlage zu verkaufen, was allerdings nur mit Bewilligung des Querido Verlags geschehen kann; ohne Ergebnis. Die Beziehung zu Irmgard Keun beginnt. Aufgrund von Zweigs Einfluß unterzieht er sich einer Behandlung: keine deutliche Besserung. Er ißt einmal am Tag.

Arbeit am Roman „Das falsche Gewicht“. Huebsch/Viking Press kündigt den Vertrag mit Roth; Roth hat dadurch keine Optionen im englischsprachigen Raum.

1. August 1936

Besuch bei Otto von Habsburg in Steenockerzeel.

8. August 1936

Landauer will auch bei Ablieferung eines neuen Manuskripts kein Geld mehr geben, da die Vorschüsse weit überzogen sind.

4. September 1936

Roth folgt einer Einladung seines alten Freundes Heinrich Wagner nach Calais, bevor dieser nach London fährt.

September 1936

Der Roman „Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht“ erscheint bei Allert de Lange.

28. Oktober 1936

In Amsterdam kommt es zum Vertragsabschluß zwischen Roth und Cornelis Johannes Vos, dem Vertreter des kleinen katholischen Verlages De Gemeenschap. Der ursprünglich vereinbarte Abgabetermin des Romans „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ wird in der Folge mehrfach verschoben. Roth bedingt sich besondere Privilegien beim Verkauf von Nebenrechten aus. Roth erhält ab Dezember von seinem neuen Verlag einen monatlichen Vorschuß von fl. 125. 

November 1936

Der Diebstahl einer Honorarzahlung durch seinen Amsterdamer Sekretär wird zu einem öffentlichen Ereignis. Roth fährt mit Irmgard Keun und seiner Cousine Paula Grübel nach Brüssel und Paris.

22. November bis 16. Dezember 1936

Gemeinsam mit Irmgard Keun in Wien, Hotel Bristol. Arbeit am Roman „Die Kapuzinergruft“.

Dezember 1936

Über seine Wiener Kontaktadresse (die der Schwägerin Hedy Pompan) sendet er dem Verlag De Gemeenschap die ersten 100 Seiten der „Geschichte von der 1002. Nacht“.

Winter 1936/1937

Eingeladen vom polnischen P.E.N.-Club, fährt Roth mit Irmgard Keun auf eine Vortragsreise (mit dem Vortrag „Glauben und Fortschritt“), die sie bis Februar 1937 nach Lemberg, Warschau, Wilna und in andere Städte führt. Zum Jahreswechsel bei den Verwandten in Lemberg. Keun berichtet, daß es Roth ,zu Hause‘ wesentlich besser gehe: er trinke weniger und esse mit Appetit.

1937

28. März 1937

Eine Variante des Vortrags erscheint in der Zeitschrift Der christliche Ständestaat („Der Aberglaube an den Fortschritt“); Roth hält den Vortrag im Saal der Wiener Künstlervereinigung Hagenbund.

15. April 1937

Roth folgt einer Einladung Friderike Zweigs nach Salzburg, wo er im Hotel Stein wohnt.

Pfingsten 1937

Der Roman „Das falsche Gewicht“ erscheint im Amsterdamer Querido Verlag.

8. bis 22. Mai 1937

Wien, Hotel Bristol.
Roth bewirbt sich um ein Stipendium bei der American Guild for German Cultural Freedom, einem Fonds zur Unterstützung emigrierter Intellektueller, bei dem er selbst auch Berater ist. Er fährt kurz darauf erneut nach Salzburg.

Juni 1937

Brüssel, Hôtel Cosmopolite.
„Die Geschichte von der 1002. Nacht“ erscheint nicht, Roth verändert den Text. Eilig schreibt er an einem neuen Roman („Die Kapuzinergruft“), um weiterhin Vorschüsse zu bekommen. De Gemeenschap wird ungeduldig.

Roth bittet Blanche Gidon um einen Vorschuß von der Zeitschrift Candide; er verdächtigt den Allert de Lange Verlag, ihm ein ihm zustehendes Honorar vorzuenthalten.

Ein amerikanisches Blatt will kurze Geschichten von ihm, doch seine Notizen befinden sich immer noch bei Manga Bell und seinem Anwalt Samuel Feblowicz in Paris. Er bittet Blanche Gidon, ihm diesbezüglich zu helfen. Der Querido Verlag hat seine Unterstützung für ihn in Frankreich eingestellt. Roth hofft, Blanche Gidon werde „Das falsche Gewicht“ französischen Verlagen anbieten; er hält das Buch für besser als „Die Beichte eines Mörders“.

Juli 1937

Hermann Kesten lädt Roth nach Ostende ein. Roth bleibt dort bis September.

22. Juli 1937

Der enge Freund Karl Tschuppik stirbt in Wien. Roth schreibt zwei Nachrufe; er beklagt den Tod vieler Vertrauter in den letzten Jahren.

4. August 1937

Angebot vom Zürcher Verleger Niehans, an dessen literarischer Zweimonatszeitschrift Maß und Wert mitzuarbeiten, an der unter anderem Thomas Mann, Konrad Flake, Ferdinand Lion (ab 1939 Golo Mann, Emil Oprecht) beteiligt sind. Er lehnt das „lächerliche Honorar“ für „Gediegenes“ ab.

8. August 1937

Brüssel. Da der Geschäftsführer des Verlags De Gemeenschap in Urlaub ist, bekommt Roth seine Monatsrate nicht. Das Hotel drängt auf Bezahlung, Roth hat nichts „außer Briefmarken“; bittet Stefan Zweig wieder einmal um Geld. Er sieht keinen Ausweg und versucht, die Abgabetermine seiner Romane hinauszuschieben.

Oktober 1937

Paris, Hôtel Foyot.

2. November 1937

Roths langjähriges Pariser Quartier, das Hôtel Foyot, wird abgerissen. Er zieht vorerst in das nahe Hôtel Paris-Dinard. Ab Frühjahr 1938 wohnt Roth im Hôtel de la Poste, 18 rue de Tournon, gegenüber dem Platz, an dem das Foyot stand. Dort logieren später auch Soma Morgenstern und Jean Janès, zeitweise auch Stefan Fingal.

1938

12. Februar 1938

Unterredung zwischen Hitler und Schuschnigg in Berchtesgaden, deren Ergebnis den „Anschluß“ Österreichs an das Dritte Reich vorbereitet und Bundeskanzler Schuschniggs Schwäche deutlich macht. In der Folge versucht dieser – gegen die NS-Propaganda – die Bevölkerung auf Österreich einzuschwören; eine Volksabstimmung am 13. März für die Freiheit und Unabhängigkeit soll das deutlich manifestieren.

Neben dem großen NS-Einfluß in der Regierung (neue Minister sind deklarierte Nationalsozialisten, z. B. Arthur Seyß-Inquart) nur zögerliche Annäherung zu sozialdemokratischen leitenden Persönlichkeiten.

24. Februar bis 2. März 1938

In Abstimmung mit österreichischen Legitimisten ist Roth zum letzten Mal in Wien und wohnt im Hotel Atlanta.

Ein Angebot des Thronprätendenten Otto von Habsburg, die Regierung in Österreich zu übernehmen, um das Land vor der drohenden deutschen Annexion zu bewahren, wird von Schuschnigg abgelehnt. Roth versucht vergeblich, bei Bundeskanzler Schuschnigg zugunsten eines solchen Regierungswechsels vorzusprechen. (Der realistische Wert eines solchen Schachzugs, hätte man ihn durchgeführt, wird allgemein als gering angesehen.)

Roths Aufsatz „Victoria Victis“, veranlaßt von Schuschniggs Rede vor dem Parlament (Übertragung im Rundfunk), erscheint in der letzten Nummer der Zeitschrift Der Christliche Ständestaat.

2. März 1938

Roth verläßt Wien und kehrt nach Paris zurück.

11. März 1938

Von Deutschland erzwungener Rücktritt Schuschniggs. Arthur Seyß-Inquart bildet eine provisorische Regierung.

13. März 1938

Hitlers Truppen marschieren in Österreich ein; der „Anschluß“ ans Dritte Reich wird vollzogen. In kürzester Zeit gelten auch in Österreich die nationalsozialistischen Gesetze. Die Flucht zahlreicher Verfolgter ins Ausland setzt ein. Prominente (auch konservative) Gegner Deutschlands in Österreich werden inhaftiert und in Konzentrationslager geschickt. Der erhoffte Einspruch seitens Frankreichs und Großbritanniens gegen den „Anschluß“ bleibt aus.

16. März 1938

Paris, Hôtel de la Poste. Nach einer Einleitung von Pierre Bertaux hält Roth im französischen Rundfunk eine Rede zur Annexion Österreichs.

Kontakt mit Hubertus zu Löwenstein und weiterhin politische Tätigkeit für die American Guild for German Cultural Freedom. Roth unterstützt Emigranten und beteiligt sich an Hilfsaktionen.

Roth überzeugt den Verlag De Gemeenschap davon, daß aufgrund der politischen Ereignisse das Erscheinen des Romans „Die Kapuzinergruft“ vorverlegt und die Publikation der schon lange dem Verlag geschuldeten, fertig korrigierten und in einigen Probeexemplaren gedruckten „Geschichte von der 1002. Nacht“ hintangestellt werden müsse.

28. März bis 5. April 1938

Paris: Kundgebungen des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller und des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur für Österreich. Roth nimmt aktiv an beiden Veranstaltungen teil.

13. Juni 1938

Paris: Gedächtnisfeier des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller“ für den am 1. Juni in Paris gestorbenen österreichischen Autor Ödon von Horváth. Roth zählt zu den Rednern.

30. September 1938

Im Münchner Abkommen konzedieren Großbritannien, Frankreich und Italien dem Dritten Reich die Annexion des Sudetenlandes.

Spätherbst 1938

Nach Amsterdam zum Verlag de Lange. Roth schreibt an der Novelle „Legende vom heiligen Trinker“. Er fühlt sich physisch wie psychisch am Ende und leiht sich angeblich Geld vom Hotelwirt für die Fahrkarte nach Paris.

Ende Dezember 1938

Der Roman „Die Kapuzinergruft“ erscheint im Verlag De Gemeenschap, Bilthoven.

1939

21. Jänner 1939

Dorothy Thompson, Präsidentin des amerikanische P.E.N.-Clubs, lädt Roth zur World’s Fair vom 5. bis 10. Mai 1939 nach New York ein. Roth sagt zu, fährt jedoch dann nicht.

15. Februar bis 1. Mai 1939

Roths Artikelserie „Schwarz-gelbes Tagebuch“ erscheint in der monarchistischen Zeitschrift Die österreichische Post, Paris. Ihr Fortsetzungsroman ist Roths „Die Kapuzinergruft“. Bald entstehen heftige Meinungsverschiedenheiten über das Blatt.

Frühjahr 1939

Roth arbeitet an einem Essay über Georges Clemenceau und lobt an ihm die Tendenz kämpferisch zu sein.

Bei schlechter Gesundheit; seine Freunde Soma Morgenstern, Ludwig Marcuse, Stefan Fingal und Jean Janès unterstützen ihn. Trifft häufig Blanche Gidon und Friderike Zweig.

11. März 1939

Zum Jahrestag der NS-Besetzung Österreichs tritt Roth in Versammlungen in Paris auf; große Manifestation der Ligue de l’Autriche vivante (Roth ist mit Franz Werfel und Emil Alphons Rheinhardt Vizepräsident dieser Vereinigung) in der Salle Adyar.

16. März 1939

Hitler verkündet die Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ als Bestandteil des „Großdeutschen Reichs“, und setzt damit – zum ersten Mal unter Protest, wenn auch ohne Sanktionen des Auslands – seine Annexionspolitik fort.

27. April 1939

Vertrag Roths mit dem Verlag Allert de Lange über die Novelle „Der heilige Trinker“ anstelle des Essays „Clemenceau“.

9. Mai 1939

Roth verspricht der American Guild for German Cultural Freedom einen Artikel, der nicht mehr erscheint.

24. Mai 1939

Roth erhält im Café Le Tournon die Nachricht vom Selbstmord Ernst Tollers in New York. Er bricht zusammen. Blanche Gidon, Friderike Zweig und Soma Morgenstern bringen ihn, benachrichtigt von Roths Hotelwirtin, in das Hôpital Necker.

27. Mai 1939

Roth stirbt um 5.55 Uhr morgens im Hôpital Necker.

30. Mai 1939

Um 16 Uhr Begräbnis auf dem Cimetière Thiais, südöstlich von Paris. Das im Hotel vorhandene schriftliche Material Roths wird später von verschiedenen Personen gesammelt und während des Zweiten Weltkrieges aufbewahrt. Anderes Material hat Roth bei dem Journalisten Joseph Bornstein deponiert.

Juni 1939

„Die Legende vom heiligen Trinker“ erscheint im Allert de Lange Verlag.

3. Juni 1939

Einmalige Aufführung des von Victor Clement dramatisierten „Hiob“ im Théâtre Pigalle, mit Musik vom Wiener Komponisten Erich Zeisl.

August/September 1939

Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Am 1. September Angriff Deutschlands auf Polen ohne vorherige Kriegserklärung. Großbritannien und Frankreich erklären nach Ablauf des Ultimatums am 3. September Deutschland den Krieg. Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Dezember 1939

„Die Geschichte von der 1002. Nacht“ wird vom Verlag De Gemeenschap in der endgültigen Fassung publiziert.

1940

Frühjahr 1940

Die Novelle „Der Leviathan“ wird vom Querido Verlag gedruckt, aber wahrscheinlich nicht mehr ausgeliefert.

Juli 1940

Friederike Roth wird in die Vernichtungsanstalt Hartheim bei Linz gebracht und ermordet.

Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos, Madeleine Rietra, Rainer-Joachim Siegel, Helen Chambers